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Beiträge zu Kultur und Politik

 


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Aus Sendungen von agoRadio

 

 

Die große Depression


Edvard Munch: Der Schrei

Die Depression greift um sich, so beklagen es Krankenkassen und psychische Ambulanzen. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht neue Schreckensmeldungen über die Gefahr einer drohenden ›Volkskrankheit‹ verbreitet würden, selbsternannte Experten über die Folgen einer Ausweitung depressiver Pathologien und kollektiver Erschöpfungszustände spekulierten. Was eine Depression genau ist, bleibt dabei unklar. Wie eine leere Worthülse wirkt hier ein Begriff, dessen konturlosen Unbestimmtheit allerdings zur Vieldeutigkeit der Symptome zu passen scheint, die er unter sich versammeln soll: Antriebslosigkeit, innere Unruhe und Schlafstörungen, fehlende Lebensfreude, Leere und Traurigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, psychomotorische Verlangsamung, Konzentrationsschwäche, Schuldgefühle, Gedanken an Selbstmord... Zur Sendung...


 

Noisexistance
Theorie und Praxis des Lärms
Sendung vom 8.7.2016

Vom 24.06. bis 26. Juni 2916 fand ein internationaler Festivalkongress zu "Noise" in Bremen statt. Noise ist eine audioästhetische Praxis,in der traditionelle musikalische Parameter wie Rhythmik und Harmonie zugunsten einer Arbeit mit Lärm, Rauschen, Verzerrungen und Störgeräuschen suspendiert sind. Aktuell lässt sich beobachten, wie Noise sich in eine Vielzahl von Stilen ausdifferenziert und in musikalische Genres integriert wird, als Bezugspunkt für Soundart und Neue Musik dient und sich einen Weg in die akademischen Diskurse bahnt. In zahlreichen Vorträgen, Filmscreenings und Konzerten brachte der Kongress internationale Positionen aus Philosophie und künstlerischer Praxis zusammen, um zentrale Fragen aus dem Spannungsverhältnis von Noise, Aufruhr und Musik nachzugehen.

agoRadio dokumentiert Auszüge aus den Konzerten und Vorträgen dieser Veranstaltung. Zur Sendung...


 

 

Flucht: Trauma, Sexualität und Masse
Psychoanalytische Gespräche
Sendung vom 10.6.2016

"Seit den Zäsuren 1945 und 1989 ist das Phänomen Masse in sozio-politischen und psychoanalytischen Disursen eher latent geworden, nun drängt es unübersehbar an die Oberfläche und bedarf einer Analytik. Traumata kommen vor als Anlass der Flucht, vervielfachen und vertiefen sich oft fortlaufend im Zuge der Flucht und beim Ankommen in der Fremde. Konzepte von Sexualität, deren kulturelle Einrichtungen sowie ihre Praktiken, können sehr verschieden sein und letztendlich zu gewaltsamen Konflikten führen.

Der Glaube, über den Anderen verfügen zu können, ist eine Illusion und kommt aus einer strukturell perversen Tendenz. Angesichts der massenhaften Fluchtbewegungen aus Not, die u.a. mit nationalen Grenzziehungen und einem milliardenschweren Abkommen mit der Türkei unsichtbar werden sollen, wird deutlich, wie der fliehende Mensch, hin- und her- und abgeschoben, sogar zur Ware, einem Fetisch wird. Wie dem eine ethische Position entgegensetzen?"

Am 3. Juni fand in der Psychoanalytischen Bibliothek und veranstaltet von der Zeitschrift RISS eine Veranstaltung statt, die diese Fragen aus psychoanalytischer Sicht diskutierte. Wir dokumentieren die Beiträge und ergänzen dies durch zwei zusätzliche Beiträge. Zur Sendung...


 

 

Sprünge zurück
Anmerkungen zum Faschismus, heute
Sendung vom 13.5.2016


Björn Höcke (AfD) beim Versuch eines Zaubertricks

Kehrt ein neuer Faschismus wieder? Eine Antwort wird davon abhängen, was man unter "Faschismus" versteht, und nichts ist heute ungewisser. Tatsache aber ist, dass in den Zentren eines global gewordenen Kapitalismus Stimmungen und Bewegungen erstarken, die heute zum großen Sprung zurück ansetzen. Was man "Flüchtlingskrise" nennt, war hier bestenfalls Auslöser. Die Systeme scheinen ihre Rationalität durchgebracht zu haben, ökonomisch, politisch, sozial, kulturell und militärisch. Denn ihre ökonomische Krise ist lediglich zurückgestaut und wird in Kürze erneut zuschlagen. Die weltweiten militärischen Interventionen destabilisieren, was sie als "Globalisierung" durchsetzen sollten, und suchen die Zentren mit Migrationsbewegungen heim, die hier neue Nationalismen und Rassismen hervortreiben. Und die politischen Systeme sind zu Agenturen geworden, deren postdemokratische Verfassung autoritär und als "alternativlos" exekutiert, was ihnen die Logik der Verwertung vorschreibt. Dumpfe Wut kocht dann hoch, kulturell und religiös stürzen Ignoranz und Fanatismus durcheinander und suchen ihr Heil im Ältesten, im Gestern, das angeblich besser war. Das übliche Parteiengeschacher wird dem ebenso wenig begegnen können wie eine neuerliche Formation der "öffentlichen Meinung". Die Agonie ist strukturell und verlangt nach anderen Öffnungen. Zur Sendung...


 

Die Eklats des Genießens
Sendung vom 8.4.2016


Marcel Duchamp, Das große Glas (1924)

"Denn nicht ist zunächst der eine, der sich sodann in eine Beziehung zu anderen begibt. Von Anfang an, sollte dies denn noch gesagt werden können, erscheinen sie einander gemeinsam, weil zugleich unendlich voneinander getrennt. Was ist, das teilen sie ebenso, wie sie in sich geteilt sind. Und ihr Genießen rührt aus der Unmöglichkeit, eins zu werden, miteinander zu verschmelzen und ineinander aufzugehen wie in einem Tod. Dieses Genießen spielt an Grenzen, die es beständig wie auf einen Abgrund hin überschreiten - vielfach, unbeherrschbar und letzthin uneinnehmbar. Und darin führt das Genießen keine neue Macht gegen die bestehenden ins Feld, findet es ebenso wenig so etwas wie seine 'Wahrheit'. Ganz im Gegenteil folgt es den singulären Intensitäten, die sich nicht formieren lassen und keiner Kartografie fügen."Zur Sendung...


 

Fluchten und Rassismen
Sendung vom 12.2.2016


In den vergangenen Monaten mussten die Europäer die ernüchternde Erfahrung machen, dass die Gewalten einer Destabilisierung, mit denen sie die Welt als Teil einer „westlichen Wertegemeinschaft“ überziehen, vor ihnen selbst nicht halt machen. Gewiss, man hätte voraussehen können, dass die Verwandlung ganzer Regionen des Nahen und Mittleren Ostens in Kriegsschauplätze, die Politik einer Verelendung ganzer Bevölkerungen, die vollständige Zerstörung staatlicher Strukturen wie im Irak eine Dynamik freisetzen würde, die dem Terrorismus ungeahnte Kräfte zuführen musste. Zu den Beiträgen.....


 

Thomas Bernhard: Alte Meister
Lesung von Markus Boysen
Sendung vom 8.1.2016

Jacopo Tintoretto, Weißbärtiger Mann

"Die höchste Lust haben wir ja an den Fragmenten. Wie wir am Leben ja auch dann die höchste Lust empfinden, wenn wir es als Fragment betrachten. Und wie grauenhaft ist uns das Ganze und ist uns im Grunde das Fertige, Vollkommene. Erst wenn wir das Glück haben, ein Ganzes, ein Fertiges, ja ein Vollendetes zum Fragment zu machen, wenn wir daran gehen, es zu lesen, haben wir den Hoch-, ja unter Umständen den Höchstgenuss daran. Unser Zeitalter ist als Ganzes ja schon lange Zeit nicht mehr auszuhalten, sagte er. Nur da, wo wir das Fragment sehen, ist es uns erträglich. Das Ganze und das Vollkommene ist uns unerträglich, sagte er. So sind mir im Grunde auch all die Bilder hier im Kunsthistorischen Museum unerträglich, wenn ich ehrlich bin, sind sie mir fürchterlich. Um sie ertragen zu können, suche ich in und an jedem einzelnen einen sogenannten gravierenden Fehler. Eine Vorgangsweise, die bis jetzt immer zum Ziel geführt hat, nämlich aus jedem dieser sogenannten vollendeten Kunstwerke ein Fragment zu machen, sagte er. Das Vollkommene droht uns nicht nur ununterbrochen mit unserer Vernichtung, es vernichtet uns auch. Alles, was hier unter dem Kennwort 'Meisterwerk' an den Wänden hängt, sagte er. Ich gehe davon aus, dass es das Vollkommene, das Ganze gar nicht gibt." Ganze Sendung hören...


 

Todesproduktion
Von Zombies und anderen Subjekten



Studie einer US-amerikanischen Immobilienvermittlung zur Anfälligkeit amerikanischer Bundesstaaten für Zombie-Epidemien

Jetzt streunen sie wieder über die Bildschirme, die wandelnden Toten, „The Walking Dead“. Seitdem George A. Romero 1978 mit The Dawn of the Dead an seinen zehn Jahre älteren Film Night of the Living Dead anknüpfte, avancierten die Zombies, lebende Leichen, gefräßige Untote, zum einzigen modernen Mythos, wie Deleuze und Guattari schreiben: tödliche Schizos, die – wieder zur Vernunft gebracht – gut zur Arbeit sind.

In seinem dritten großen Zombie-Film Land of the Dead, seinem letzten, entwirft George A. Romero das Szenario einer Stadt, in der sich die Reichen in den Luxus eines Towers zurückgezogen haben, in dem sie alle einschlägigen Annehmlichkeiten genießen. Die Masse der Überlebenden vegetiert unter ihnen in Elend dahin, gerade gut genug, den Privilegierten die Privilegien zu sichern. Diese Klassenstruktur wird nur aufrechterhalten, ihre Fragilität nur gewahrt, weil das Land von Zombies überfüllt ist, die jeden Ausbruch mit Tod bedrohen. Was man Sublimierung nennt, könnte hier seinen gültigen Ausdruck gefunden haben. Alle Klassenstruktur wurzelt in einer Ökonomie des Todes. Zur Sendung...


 

"Dead Letters" oder: Bartlebys Formel
Sendung vom 9.10.2015


Bartleby der Schreiber

Bartleby, der Schreiber, diese rätselhafte Figur aus einer Erzählung Herman Melvilles, wird wieder lebhaft diskutiert, wo es um Figuren eines Widerstands geht. Sie beschäftigt literaturtheoretische Publikationen und Seminare ebenso wie politische Texte - so Hans-Christian Danys "Morgen werde ich Idiot - Kyberetik und Kontrollgesellschaft", sie wurde Gilles Deleuze ebenso Gegentand wie Giorgio Agamben, und neuerdings trägt in Berlin sogar ein Haus den Namen Bartlebys. In dieser Sendung trägt agoRadio zu den Diskussionen bei - mit einer Lesung, mit Vorträgen, Assoziationen und Improvisationen. Markus Boysen liest Herman Melville, Hans-Joachim Lenger steuert einen Vortrag von einer Derrida-Tagung bei, Benjamin Sprick und Mareike Teigeler intervenieren mit einer Montage, Nicola Torke mit einer Improvisation Wir begeben uns in Versuche, jener rätselhaft widerständigen Formel auf die Spur zu kommen, mit der Melvilles Schreiber eine Anwaltskanzlei an der Wall Street in Aufruhr versetzt: "I would prefer not to..." Zur Sendung...


 

 

Griechenland - Das Diktat der "Eliten"
Sendung vom 14.8.2015


Demonstration in Athen

Die europäische Katastrophe, die gegenwärtig an Griechenland exekutiert wird, macht unübersehbar, was diesem Kontinent insgesamt bevorstehen soll. Deutschland schwingt sich zu seinem Hegemon auf und unterwirft ihn einem Diktat, das ebenso ökonomische wie politische Dimensionen aufweist. Um den Preis zunehmender Verelendung werden wirtschaftliche Regimes einer Vorherrschaft errichtet, auf deren Grundlage der Neo-Merkantilismus in einen verschärften Kampf um weltweite Einflusszonen eintritt. Umso rücksichtsloser wird er ausgetragen, als das fiktive Spekulationskapital in globalem Maßstab längst Dimensionen angenommen ist, die alle Möglichkeiten seiner industriellen Verwertung übersteigen. Und dies macht auch die systemischen Grenzen dieses "Krisenmanagements" absehbar. Hemmungslos werden in dieser Situation nationalistische Ressentiments geschürt, um den Unterworfenen Ventile für ihre dumpfe Wut zu öffnen. Wir fragen nach den Strukturen, die aus dieser Entwicklung hervorgehen, nach ihren systemischen Perspektiven und nach Chancen, die vertan wurden. Zur Sendung...


 

Die "entscheidende Reform"
Ein Gespräch mit Karl Heinz Roth
Aus "Griechenland - Diktat der Eliten" vom 14.8.2015


Karl Heinz Roth

Karl Heinz Roth, Autor einer Studie über "Die globale Krise" (VSA-Verlag Hamburg) hat in zwei Flugschriften ("Griechenland - was nun?" und "Griechenland am Abgrund", ebenso VSA)die Genese der griechischen Krise nachgezeichnet, ihre Strukturen und Dynamiken analysiert und nach den Chancen gefragt, die von der griechischen Syriza vertan wurden. In einem Gespräch rekonstruiert Karl Heinz Roth die Vorgeschichte des Desasters und das, was sich in ihm für die Zukunft ankündigt. Anhören...


 

 

Jean-Luc Nancy: "Sexistenz"
Vortrag und Seminar an der HFBK Hamburg
Sendung vom 12.6.2015


Jean-Luc Nancy

"Begnügen wir uns heute damit zu sagen, dass der Sex das Existierende auf einen Abgrund und eine Gewalt hin öffnet. Beide schöpfen sicherlich nicht alle abwegigen und exponierten Merkmale der Existenz aus. Aber zumindest weisen sie diese Eigenschaft auf, uns, gemeinsam mit dem Abgrund und der Gewalt, an den Rand eines 'Machens' zu bringen, das von seinem Wesen her das doppelte Jenseits des Animalischen und des Göttlichen zugleich berührt – zwei Begriffe, die auf nichts anderes hindeuten als auf die Existenz als ihre eigene Dehiszenz, eine Sexistenz." (Jean-Luc Nancy)Zur Sendung...


 

Spekulation und Spektakel
Sendung vom 10.4.2015

Jacques Lacan: Symbolisches, Imaginäres, Reales - Borromäischer Knoten

Wie unauflösbar die Beziehungen zwischen Spekulation und Spektakel sind, ist vertraut. Beide bezeichnen Eskalationen von Ereignissen, die den Mächten des Imaginären gehorchen und Gewalten des Imaginären freisetzen. Das lateinische speculum bezeichnet den Spiegel und das Spiegelbild. In Spiegelsystemen finden Spekulation und Spektakel zueinander. Während das Spektakel einem hypnotischen Exzess von Effekten gleichkommt, die ohne "realen" Kern sind oder jedes Moment eines "Realen" verbrennen, erzeugt die Spekulation vermeintliche Werte, denen im "Realen" nichts entspricht. Guy Debords einflussreiches Buch über die Gesellschaft des Spektakels kündigte in den 60er Jahren auch kulturtheoretisch an, was sich in den 70er Jahren dann freisetzte und einen neuen Zyklus der Kapitalverwertung einleitete: die weltweite Entfesselung gewaltiger spekulativer Kapitalien, die in globalem Maßstab marginalisierten, was "Realökonomie" genannt wurde. Heute scheint sich dieser Zyklus in den Agonien der "Finanzmärkte" abzuschließen, um den Verwertungshunger der Kapitalien in eine neue Ära der Verelendung und offenen Raubes eintreten zu lassen. Katastrophisch melden sich damit jene Realitäten zurück, von denen die Systeme in ihren Exzessen behauptet hatten, sich emanzipiert zu haben. Zur Sendung...


 

Die Gesellschaft des Spektakels
David Wallraf
Aus: Spekulation und Spektakel, Sendung vom 10.4.2015


Guy Debord

„These 1. Das ganze Leben der Gesellschaften, in denen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Ansammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“ Mit diesen Worten beginnt das 1967 von Guy Debord veröffentlichte Buch Die Gesellschaft des Spektakels. Anhören...


 

Jean-Luc Nancy: Gott, Charlie, Niemand
Aus: Ausnahmezustände, Sendung vom 13.3.2015:


Malewitsch: Schwarzes Quadrat auf weißem Grund

"Ich möchte hier nicht ein Modell sondern einen - diskutierbaren und veränderbaren - Leitgedanken oder Leitfaden vorschlagen für den Umgang mit der Laizität, der konfessionellen Vielfalt und dem von jeder Weltanschauung losgelösten Denken.
“Gelobt seist du, Niemand”: Diese Verszeile findet sich in Paul Celans Gedicht ‚Psalm‘(1963). Sie ist, wie auch weitere Abschnitte in diesem Gedicht, der Phrasierung der Psalmen Davids nachempfunden („Gesegnet seist Du“, oder „Gelobt seist Du, Herr“)." Weiterlesen... Anhören...


 

Prostitution, Arbeit, Emanzipation
Sendung vom 13.2.2015

Es wird wieder heiß diskutiert: Über Freier, Freiwilligkeit und Feminismus. Eine unheimliche Allianz will der Prostitution mit Verboten begegnen. Welche Annahmen und Politiken verbergen sich in dem gegenwärtigen Diskurs um käuflichen Sex? Auch historische Vorläufer der Debatte müssen da zur Sprache kommen. Und wie steht es um die Kämpfe derjenigen, die „sich“ angeblich verkaufen? Wir sprechen mit Menschen, die im Bordell und selbstständig arbeiten, denken über den Zusammenhang von kommerziellem Sex und Stadtpolitiken nach und versuchen, uns dem zu nähern, was gegenwärtig eine kritische Position sein könnte.- Ein Vortrag von Theodora Becker über die “Sehnsucht nach Unmittelbarkeit – Prostitution als illegitimes Kind der Kulturindustrie” schließt die Auseinandersetzung ab.Zur Sendung...


 

Unendliche Nähe
Aus einem Gespräch mit dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy
Hans-Joachim Lenger und Georg Christoph Tholen


Jean-Luc Nancy

"Unsere europäischen Gesellschaften sind heute ja sehr ängstlich, sie fühlen sich ohne Orientierung und haltlos. Und es stimmt, viele Leute befinden sich in einer sehr schlechten Lage. Aber trotzdem leben die Leute nicht nur, sie existieren. Auch ohne Liebe oder Freundschaft lässt sich auf der Straße oder bei vielen Gelegenheiten erfahren, dass sich die Leute nicht immer töten. Sie zeugen Kinder oder machen anderes... Ja, sie sind sonderbar, ganz erstaunlich, nicht wahr? Und manchmal frage ich mich, ob wir Intellektuellen uns nicht allzu sehr der dumpfen Stimme der Gesellschaft hingeben. Diese Stimme sagt unablässig, dass alles kaputt ist und nichts mehr geht. Aber das haben doch mehr oder weniger alle Gesellschaften gesagt. Gewiss, nicht die Renaissance oder die Aufklärung. Aber vielleicht sind wir von einer solchen Renaissance oder Aufklärung ja gar nicht so weit entfernt?" Anhören...


 

 

Die gelehrigen Körper
Konzert des Decoder-Ensembles und Symposion an der HFBK Hamburg
Sendung vom 12.11.2014


Das Decoder-Ensemble an der HFBK Hamburg - 22.10.2014

Sollte die Musik wie eine „Sprache“ sein, dann weil sie die Affekte nicht weniger berührt und in Resonanz versetzt als die Regimes ihrer Anordnung. Wie schmerzhaft immer – der Ton zeichnet die Lehren nach, unter denen die Körper wurden, was sie sind. Aus den gelehrigen Körpern taucht dann auf, was in Techniken der Disziplinierung und Kontrolle den Regelabständen der Macht ausgesetzt wurde. Etwas, woran eine „virtuelle Kampfstrategie“ (Foucault) anknüpfen kann, um diesen Ordnungen zu entgehen und Widerstand zu leisten. Ganze Sendung anhören...


 

Willkommen im Paradies!
Suchbewegungen am Monte Veritá
Florina Speth
Aus: Gruppen, Sekten, Formationen - Sendung vom 10.10.2014

Die Fotografie zeigt ein Eingangstor zu einem abgegrenzten Gartenareal. Das Tor trägt die Aufschrift: Sanatorium Monte Veritá. Übersetzt heißt dies: Heilanstalt Wahrheitsberg. Dieses Bild stehe so für sich. Anhören...


 

 


Gilles Deleuze

Servilität, ein ekelhaftes Laster
Gilles Deleuzes Spinoza-Vorlesungen als therapeutische Fluchtlinie
Christoph Dittrich

Aus: Gruppen, Sekten, Formationen - Sendung vom 10.10.2014

Davon überzeugt, dass akzentfreie Lektüren interesselos und eigentlich unmöglich sind, nennt Gilles Deleuze eine seiner eigenen Betonungen im Text Spinozas. Er sagt, es gäbe ein Thema, das unter all seinen Vorlesungen der Jahre 1980/81 als roter Faden verlaufen sei: die „Verbindung zwischen einer Ontologie und einer Ethik“. Diese entsprechen einander in der Frage von Transzendenz und Immanenz ebenso wie andererseits die Philosophien des Einen und die Moral. In einer Ontologie im strengen Sinne einer „wesenhaft anti-hierarchische[n] Welt“, so Deleuze, steht dem Sein ebenso wenig eine oberste eminente Instanz vor wie auch in der Ethik nicht anhand ewiger Werte über das Leben gerichtet wird, sondern das Leben selbst eine immanente Prüfung vollzieht. Weiter...
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Eine Politik der Affekte - Hamburg, Hansaplatz, abends

Alain Brossat: Plebs invicta
Gelesen von Markus Boysen
Aus: Körperzustände - Politik der Affekte

Es gibt »›etwas‹ Plebejisches« – man könnte von plebejischen Wirkungen sprechen –, wenn es als Reaktion auf jedes »Voranschreiten der Macht« ablösende, widerständige, fliehende oder konfrontative Bewegungen gibt; wenn sich jene Risse oder Fluchtlinien abzeichnen, die die Logiken der Macht aussetzen, d.h. die Wirksamkeit der »Netze der Macht« stören oder unterbrechen. Es existiert ein Element der Unbeugsamkeit gegenüber den Spielen der Macht, und die Plebs ist, wenn man so will, seine Deixis. Weiter...Anhören...


 

Die Arbeiter des Meeres
Markus Boysen liest aus Victor Hugos Roman. Mit Musik von Benjamin Sprick und David Wallraf
Sendung vom 8.8.2014


Victor Hugo: "H majuscule énorme. noire sur le ciel blanc" - Die Douvres-Klippen in Hugos Manuskript

„Arbeit im Abgrund, nicht Arbeit im modernen Sinne, nicht ‚travail’, sondern ‚labeur’, vergleichbar den ‚Arbeiten’ des Herkules. Arbeit, deren Modell die ewige und unnütze Bewegung des Meeres ist, dieser Energieaufwand ohne Ziel und Zweck, perpetuum mobile. So wird die Herkules-Arbeit schließlich zur Sisyphos-Arbeit, die unter dem Gesetz des ewigen Wiederholungszwanges steht. Arbeit, die sich in sich selbst erschöpft, die Selbstzweck ist. Die damit der Arbeit des Künstlers gleicht.“ (Aus dem Nachwort von Rainer G. Schmidt)Anhören...


 

Japanoise
David Wallraf
Aus: Noise - Aufruhr des Lärms. Sendung vom 11.4.2014

Wie lässt sich über ein Genre sprechen, dass sich eindeutigen Zuordnungen verweigert und das sich im gegenwärtigen popkulturellen Diskurs nicht klar eingrenzen lässt? Noise ist heute ein ebenso vielfältiges wie internationales Genre. Die verschiedenen Haltungen, Produktionsmethoden und Stilistiken, die unter der Bezeichnung Noise zusammengefasst werden sind so heterogen, dass bei näherer Betrachtung der Genrebegriff selbst problematisch wird. Weiter...Anhören...


 

Bürgerkrieg in Schnöggersburg
Marisa Calcagno
Aus: Kriegsgeflüster. Sendung vom 14.3.2014


Militärische Stadtplanung

„Wir fangen mit einer Altstadt an im Zuge eines Flusslaufes. Diese Stadt, unsere Stadt hat sich erweitert, Industrie, Wohnviertel, rundherum landwirtschaftliche Betriebe, wie das überall auf der Welt zu finden ist.“ Der so spricht, heißt Dieter Sladeczek, ist Oberst der Bundeswehr und Leiter des Gefechtsübungszentrums Schnöggersburg. Nicht ohne Stolz präsentierte er im Juni 2012 im Mitteldeutschen Rundfunk, was bald zum größten Militär-Übungsgelände Europas werden soll. Weiter...
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Verantwortung, weltweit
Harald Strauß
Aus: Kriegsgeflüster. Sendung vom 14.3.2014

Die Satire lebt davon, die Person ins Visier zu nehmen. Die Kritik allerdings hat weniger Interesse an der Figur, sondern an dem, um mit Jacques Derrida zu sprechen, Visiereffekt, der mit solchen Erscheinungen einhergeht. Es blickt uns aus der verbalen Ritterrüstung das Gespenst einer besonderen Art der Mobilisierung an, in der sich Militärisches und Ziviles auf neuartige Weise verschränken. Weiter...Anhören...

 



 


 

 

Allegorien der Trauer
Aus: Die große Depression vom 12.8.2016
Benjamin Sprick


Johann Sebastian Bach: Allemande BWV 1011

Depressionen im heutigen Sinne waren Johann Sebastian Bach wohl fremd. Zu konturlos zeigten sich Anfang des 18. Jahrhunderts noch die Umrisse eines eigenverantwortlichen Subjekts, das vernichtende Vorwürfe gegen sich selbst hätte erheben können, unter denen es erschöpft zusammenbricht. Affekte der Trauer und Melancholie hingegen waren Bach sehr bekannt. Ihre klanglichen Spuren ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Musik, in der sie mit anderen Affekten in vielfältige Beziehungen eintreten, um allgemeine, ein rein subjektives Verständnis übersteigende Empfindungen erfahrbar zu machen. Beitrag hören...


 

Ekel und Ruhestörung
David Wallraf
Aus "Nosexistance" - Sendung vom 8.7.2016

"Folgt man den Verweisen der Wortfelder in den verschiedenen europäischen Sprachfamilien, erweist sich 'Noise' als ein Bedeutungsgeflecht, in dem sich archaische und moderne Konnotationen durchdringen. Dem Oxford English Dictionary lässt sich entnehmen, dass die etymologische Wurzel von 'Noise' im Lateinischen zu suchen ist. Es besteht aber Uneinigkeit, ob es sich von 'nausea' oder 'noxia' ableitet. 'Nausea' taucht heute im Englischen und Französischen mit der Bedeutung von 'Ekel', 'Schwindel' oder 'Übelkeit' auf. Ursprünglich bezeichnete es die Seekrankheit und teilt so seinen Wortstamm mit der Nautik. 'Noxia' lässt sich als 'Schaden', 'Wunde' oder 'Verletzung' übersetzen. Es ist der Ursprung des englischen 'Niussance', der Ruhestörung oder der Ordnungswidrigkeit. Streit, Ekel, Verletzung und Ruhestörung - nach einer oberflächlichen Sondierung der Etymologie drängt sich der Eindruck einer dem Begriff 'Noise' zutiefst eingeschriebenen Negativität auf." Beitrag hören...


 


Fluchtlinien der Grausamkeit im Werk von Santiago Sierra
Nicola Torke
Sendung vom 10.6.2016: Flucht, Trauma, Sexualität und Masse

"Im geschlossenen Raum einer Galerie in Havanna verfügt Santiago Sierra qua Bezahlung von je 30 Dollar über sechs junge Männer, die er im Untertitel 'arbeitslos' nennt. Er lässt ihnen eine lange dunkle Wunde auf dem Rücken zufügen, die nach ein paar Tagen zu einer schwarz-blauen Narbe verheilt sein wird. Sierra inszeniert und wiederholt die Marter der Ausbeutung in einer konkreten, eine bleibende sichtbare Spur hinterlassenden Handlung an Männern, auf deren Rücken die Gewinnung von Mehrwert symbolisch und real ausgetragen wird. Denn selbstverständlich verkauft er die Videproduktion für mehr als 180 Dollar." Beitrag hören...


 

 

Erbschaft jener Zeit
Zur Gegenwart Ernst Blochs - Sendung vom 13.5.2016
Hans-Joachim Lenger


Ernst Bloch

„Seit einigen Jahren lernt, wie bekannt, auch die städtische Art, nachzugehen. Eine verelendete Mittelschicht will zurück in den Vorkrieg, wo es ihr besser ging: Sie ist verelendet, also revolutionär anfällig, doch ihre Arbeit ist fern vom Schuss, und ihre Erinnerungen machen sie vollends zeitfremd. Die Unsicherheit, welche bloß Heimweh nach Gewesenem als revolutionären Antrieb erzeugt, setzt mitten in der Großstadt Gestalten, wie man sie seit Jahrhunderten nicht mehr sah. Doch auch hier erfindet das Elend nichts oder nicht alles, sondern plaudert nur aus, nämlich Ungleichzeitigkeit, die lange latent oder höchstens eine von gestern schien, nun aber über das Gestern hinaus in fast rätselhaftem Veitstanz sich erfrischt Ältere Seinsarten kehren derart gerade städtisch wieder, ältere Denkart und Hassbilder darin, so das vom jüdischen Wucher als der Ausbeutung schlechthin. Bruch der ‚Zinsknechtschaft’ wird geglaubt, als wäre die Wirtschaft um 1500, Überbauten, die längst umgewälzt schienen, wälzen sich wieder zurück und stehen als ganz mittelalterliche Stadtbilder im Heutigen still. Hier ist die Schenke zum nordischen Blut, dort die Burg des Hitler-Herzog, dort die Kirche zum Deutschen Reich, eine Erdkirche, worin sich auch das Stadtvolk als Frucht des deutschen Bodens fühlt und den Boden als heiligen ehrt, als Confessio deutscher Helden und deutscher Geschichte.“ (Ernst Bloch, 1935)Beitrag lesen... Beitrag hören...


 

Flaubert, Hamsun, Beckett: "Zwei Männer"
Lesungen von Markus Boysen am 11. März, 14. März, 21. März und 28. März 2016


Samuel Beckett

Flaubert: In seinem Fragment gebliebenen letzten Roman (postum veröffentlicht 1881)beschreibt Flaubert das quichottereske Scheitern zweier Schreiberkäuze, die sich, um dem Stumpfsinn ihrer Brottätigkeit zu entkommen, ohne jegliche Vorbildung und Methode ins Abenteuer des Landlebens und der Wissenschaft stürzen. Nachdem sie ihre Umwelt und sich selbst an den Rand des Wahnsinns gebracht haben und ihnen alles unter den Händen zerbrochen ist, kehren sie wieder ans Schreibpult zurück. Lesung anhören...

Hamsun: Im Sanatorium Torahus, in der Einsamkeit von Bergen und Wäldern, suchen die Patienten Linderung und Heilung der Wunden, die ihnen das Leben in der modernen, zivilisierten Welt geschlagen hat. Unter ihnen finden sich auch der von allen so genannte "Selbstmörder" und "der Mann mit den Löchern im Gesicht". In Spott, Hass, Zuneigung und Überheblichkeit einander zugetan, finden sie sich zum idealen, grotesken Freundespaar, das an Bouvard und Pecuchet ebenso wie an Mercier und Camier erinnert. Lesung anhören...

Beckett: In ihren tragikomischen Dialogen, die an "Warten auf Godot" erinnern,versuchen zwei Stadt- und Landstreicher, Brüder im Geiste auch von Bouvard und Pecuchet, ihren geplanten Aufbruch ins Werk zu setzen. Lesung anhören...

Zu allen Lesungen...



Hans-Dieter Bahr: Die Unzeit des Gastes

Ein Gespräch - Aus der Sendung "Fluchten und Rassismen" vom 12.2.2016


Hans-Dieter Bahr

"Wenn wir in der Geschichte Analogien suchen, kam ich am ehesten auf die Situation zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert, das Ende des Römischen Reichs, die gigantischen Migrationswellen durch ganz Europa, und es war ein gewisser kleiner Trost, da gab es eine Handvoll Leute, die nannten sich 'Brüder'. Sie bildeten Brüderschaften, aus denen dann später die größte hervorging, die dann die ganze antike Literatur abgeschrieben und bewahrt hat. Was wären wir ohne die? Heute? Und das war mir ein kleiner Trost, und ich sagte mir: Nun gut, in diese Ödnis hinein heutzutage noch zu denken und zu schreiben, ohne im Grunde eine Erwiderung zu finden, gut, wir müssen vielleicht über die Zeiten hinweg denken." Gespräch hören...

 



Musik und Macht
Sendung vom 11.12.2015


Lisa Batiashvili und Daniel Barenboim

Musik und Macht bilden eine Allianz, die erst noch zu entziffern ist. Während zeitgenössische Machtbegriffe in vielen ästhetischen Feldern diskutiert werden, ist die Musik von einer machttheoretischen Reflexion bislang weitgehend unberührt geblieben. Wie alle ästhetischen Dispositive geht aber auch Musik aus einer machtförmigen Disziplinierung hervor, die sich nur nachträglich entziffern lässt – und durch diese Entzifferungsarbeit permanent selbst erneuert. Zur Sendung...


 

Mordlust
Hans-Joachim Lenger im Gespräch mit Klaus Theweleit
Aus der Sendung "Todesproduktion" vom 13.11.2015


Klaus Theweleit

"Die meisten Leute haben es bis heute nicht registriert - sie denken immer noch, wir leben im Frieden, obwohl Schröder und Fischer damit Schluss gemacht haben in den 90ern mit ihrem Eingreifen in den jugoslawischen Zerfallskriegen, mit der Bombardierung Belgrads etc. In Afghanistan, das waren ja die. Seither ist Deutschland faktisch im Kriegszustand." Klaus Theweleit ist in den vergangenen Jahrzehnte durch eine Vielzahl von Publikationen hervorgetreten, die den Triebdynamiken des 20. Jahrhunderts, aber auch der Literatur, der Musik oder dem Film gewidmet waren. Bekannt wurden vor allem seine „Männerphantasien“, die die psychodynamische Verfassung der nationalsozialistischen Täter, von den Freikorps nach dem Ersten Weltkrieg bis zu den Mördern von SA und SS, gewidmet waren, ebenso „Das Buch der Könige“, das die Frauenopfer im Innern der kulturellen und künstlerischen Produktion analysierte, oder „Pocahontas“, in dem das Ineinander von amerikanischer Geschichte und amerikanischem Mythos Thema wurde. In seiner Studie „Das Lachen der Täter“ untersuchte Theweleit unlängst jene Mordlust, die mit allen Anzeichen des Spaßes, der Freude einhergeht und das Massaker mit einem befreiten Auflachen begleitet. Über die Mordlust sprachen wir mit Klaus Theweleit am 23. Oktober in Hamburg. Gespräch anhören...


 

 

"Der Untergeher"
Markus Boysen liest aus Thomas Bernhards Roman
Sendung vom 11.9.2015


Glenn Gould

"Auch Glenn Gould, unser Freund und der wichtigste Klaviervirtuose des Jahrhunderts, ist nur 51 geworden, dachte ich beim Eintreten in das Gasthaus. Nur hat der sich nicht wie Wertheimer umgebracht, sondern ist, wie gesagt wird, eines natürlichen Todes gestorben. Viereinhalb Monate New York, und immer wieder die Goldberg-Variationen und die Kunst der Fuge, viereinhalb Monate Klavierexerzizien, wie Glenn Gould immer wieder nur in Deutsch gesagt hat, dachte ich. Vor genau 28 Jahren hatten wir in Leopoldskron gewohnt und bei Horowitz studiert und, was Wertheimer und mich betrifft, nicht aber Glenn Gould naturgemäß, während eines völlig verregneten Sommers von Horowitz mehr gelernt als die acht Jahre Mozarteum und Wiener Akademie vorher. Horowitz hat alle unsere Professoren null und nichtig gemacht. Aber diese fürchterlichen Lehrer waren notwendig gewesen, um Horowitz zu begreifen." Zur Sendung...


 

Am Saum des Sinns
Irrwege und Umwege zu Jean-Luc Nancy
Sendung vom 8.5.2015


Tizian: Venus mit Amor und Musik

"Ganz Ohr sein, lauschen, das ist immer am Saum des Sinnes sein, oder in einem Rand und Außen-Saum, und als wäre der Klang eben nichts anderes als dieser Saum, diese Borte oder dieser Rand - zumindest der musikalisch gehörte Klang. Dieser nämlich wird um seiner selbst willen aufgelesen und beäugt; nicht als ein akustisches Phänomen indessen (oder nicht allein), sondern als (wider)klingender Sinn, als Sinn, dessen Sinnhaftes sich stimmigerweise in Klang und Resonanz finden soll und nur darin." (Jean-Luc Nancy)- Am 18.Mai wird der französische Philosoph Jean-Luc Nancy einen Vortrag an der Hochschule für bildende Künste Hamburg halten. Aus diesem Anlass senden wir eine Collage, die sich den Fragestellungen Nancys literarisch anzunähern sucht. Ganze Sendung hören...


 

 

Joseph Vogl: Die Medien der Finanzialisierung
Aus: Spekulation und Spektakel, Sendung vom 10.4.2015


Joseph Vogl

Vortrag auf dem Eröffnungssymposion des Graduiertenkollegs "Ästhetiken des Virtuellen" an der Hochschule für bildende Künste Hamburg vom 26.April 2015. Anhören...


 

Ausnahmezustände
Sendung vom 13.3.2015

„Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der ‚Ausnahmezustand’, in dem wir leben, die Regel ist.“ (Walter Benjamin) Derart knapp beschied Benjamin den Juristen Carl Schmitt, der den „Ausnahmezustand“ an prominenter Stelle ins Staatsrecht eingeführt hatte, um den Begriff des „politischen Souveräns“ an Konstruktionen des Leviathans Hobbes' zurückzubinden. So wenig Schmitt damit der nationalsozialistischen Zerstörung einer staatlichen Verfasstheit und deren Absturz in einen irregulären Staatsterrorismus begegnen konnte, so virulent ist die Frage des „Ausnahmezustands“ bis heute geblieben. Hat er die Bezirke des Politischen und der Begriffe politischer Souveränität verlassen und ist zum Signum finanzökonomischer Katastrophen geworden, von denen politische und militärische Entscheidungen diktiert werden? Welche alltäglichen Erfahrungen belehren heutzutage darüber, „dass der ‚Ausnahmezustand’, in dem wir leben, die Regel ist“? Und wie ließe sich eine Souveränität denken, die nicht in repräsentativen Strukturen der Macht verankert wäre, sondern in einer "kommenden Demokratie" (Derrida) - „geteilt“? Zur Sendung...


 

Der "wirkliche Ausnahmezustand"
Hans-Joachim Lenger
Aus: "Ausnahmezustände" 13.3.2015

Der Ausnahmezustand, so erklärt Carl Schmitt, kenne im juristischen Sinne noch immer eine Ordnung, wenn auch keine Rechtsordnung. In ihm offenbare sich das Wesen der staatlichen Autorität deshalb am klarsten. Sie ist in sich selbst absolut, losgelöst und allein in sich selbst ruhend. Weiterlesen... Anhören...


 

Zeit der Revolutionen
Zur Aktualität eines Anachronismus
Sendung vom 9.1. 2015

Die Zeit der "Revolutionen" scheint seit langem vorüber, ihre Vorstellungswelt als Illusion erwiesen zu sein. Oder wer könnte noch dem Glauben nachhängen, ein fundamentaler Umsturz werde die gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich neu strukturieren, ihre Geschichte auf neue und vor allem "menschliche" Grundlagen stellen können? All diese Begriffe - die des Fundaments, des Umsturzes, der Struktur, der Geschichte, "des" Menschen oder der Grundlagen selbst - sind ebenso fragwürdig geworden wie das, was sie einst bezeichnen sollten. Die Wirklichkeit selbst scheint einem Denken der "Revolutionen" jede Evidenz oder Plausibilität entzogen zu haben. Anlass zur Beruhigung gibt das freilich nicht; im Gegenteil. Diese Wirklichkeit selbst ist nur noch eine der Frakturen, der Unterbrechungen, der Abgründe und Implosionen: ökonomisch, militärisch, sozial und geostrategisch. Solche Zerrissenheiten rücken nichts so sehr in den Vordergrund wie eine "Aktualität der Revolutionen". Sie generieren Geschichtszeichen ihrer Unaufhaltsamkeit und Unaufschiebbarkeit. Bekannte Ordnungen zerfallen täglich vor unseren Augen. Schreiende Gegensätze brechen hervor, die in keinem Zeitkontinuum, in keiner homogenen Topografie mehr zu schlichten sein werden. Grund genug, nach der "Revolution" als einem Problemtitel zu fragen - zu fern, um gegenwärtig, und zu nah, um erkennbar zu sein. Umso mehr aber insistiert er, ungedacht. Zur Sendung...


 

Die Allgegenwart des Krieges
Sendung vom 12.12.2014

Francisco de Goya, Der Koloß den Krieg symbolisierend, 1810

Mobilmachungen überall - auch die deutsche Kriegspolitik nimmt wieder sprunghaft Gestalt an, in der Ukraine, dem Baltikum wie im Nahen Osten, in Afrika wie an der deutschen Heimatfront. Matthias Geis etwa beklagt sich in der ZEIT über die fehlende Kampfmoral der Truppe: "Die Bundeswehr ist stahlgewordener Pazifismus. Wer wollte glauben, dass es sich beim Zusammentreffen von politischem Unwillen und technischem Unvermögen um einen bloßen Zufall handelt.“ Vorbereitet wird Deutschlands Wiederaufstieg zu altem Glück und neuer Größe. Die Regimes der Verwertung proben neue Techniken des Zugriffs. Schon ein Eisenbahnerstreik wird da als Anschlag auf die Gesellschaft als ganze verfemt. Wer noch von Frieden spricht, wird als Drückeberger gebrandmarkt, wer auf den Zusammenhang von kapitalistischer Krise und Expansionspolitik hinweist, als weltfremder Narr. Eine ganze Gesellschaft wird auf neue Waffengänge eingeschworen, und niemand soll abseits stehen dürfen, wenn zu "weltweiter Verantwortung" gerufen wird. Aber nie war Kriegspolitik Ausdruck systemischer Stärke. Stets war sie der äußerste Versuch, tiefgreifende Schwächen gewaltsam zu beheben - nach außen wie nach innen. Wie ließe sich an solche Schwächen im Gefüge der Macht anknüpfen? Ganze Sendung anhören...


 

Friedrich Hölderlin: Hyperion - gelesen von Markus Boysen

Wirds denn bald angehn? sagt ich. Es wird, rief Alabanda, und ich sage dir, Herz! es soll ein ziemlich Feuer werden. Ha! mags doch reichen bis an die Spitze des Turms und seine Fahne schmelzen und um ihn wüten und wogen, bis er berstet und stürzt! - und stoße dich nur an unsern Bundesgenossen nicht. Ich weiß es wohl, die guten Russen möchten uns gerne, wie Schießgewehre, brauchen. Aber laß das gut sein! haben nur erst unsere kräftigen Spartaner bei Gelegenheit erfahren, wer sie sind und was sie können, und haben wir so den Peloponnes erobert, so lachen wir dem Nordpol ins Angesicht und bilden uns ein eigenes Leben. Anhören...


 


Jacques Derrida

Die Différance und das Politische
Eine Spurenlese zum Früh- und Spätwerk Jacques Derridas zum 10. Todestag des Philosophen
Georg Christoph Tholen
Aus: Gruppen, Sekten, Formationen - Sendung vom 10.10.2014

„Ich habe das Gefühl“, so bemerkte Derrida, “dass man noch gar nicht begonnen hat, mich zu lesen. Und nichts mehr nach meinem Tod bleiben wird, außer dem, was an Pflichtexemplaren in der Bibliothek aufbewahrt wird“. Natürlich konterkariert Derrida seine skeptische Vermutung mit einer eher zukunftsorientierten Überlegung zum Überleben des philosophischen Denkens, genauer zum Überleben oder Überliefern der immer schon testamentarischen Spur im Denken der Spur. Und kurz nach seinem Tod (8. Oktober 2004) haben Hans-Joachim Lenger und ich in einem der ersten Bücher zum Andenken Derridas behauptet, dass sein Werk, trotz der weltweiten Verbreitung und Übersetzung seiner Schriften, randständig oder zumindest unabgegolten sei. Weiter...
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Kindergarten
Benjamin Sprick
Aus: Körperzustände - Politik der Affekte


Die "affektive Arbeit",zumeist Frauen vorbehalten, gilt im praktischen Leben zwar nicht viel und wird auch entsprechend miserabel bezahlt. Sich als deren Gönner aufzuspielen, gehört umso mehr zum Pflichtprogramm der großen Parteien - wie die jüngte Initiative des Hamburger Bürgermeisters Olaf Scholz demonstrierte, als der die Kita-Gebühren senkte. Eine kommentierte Reportage...Anhören...


 

Jenseits des Erhabenen
Katja Diefenbach
Aus: Körperzustände - Politik der Affekte

Als ich Alain Brossats Essay plebs invicta über den ausgeschlossenen, aber unbesiegbaren Anteil derer gelesen habe, die unterdrückt sind, deren Leben zerstört wird und deren Zermalmung ohne Inschrift und Erinnerung vergeht, hat mich seine Wut von Zeile zu Zeile getragen: Dieses Nicht-Hinnehmen-Wollen, dieses Rütteln an der Tatsächlichkeit einer sich bald seit Jahrhunderten erneuernden Teilung zwischen dem, was Brossat mit Foucault die plebs oder das Plebejische nennt – und den tradierten politischen Apparaten der sozialistischen und kommunistischen Linken, der radikalen Intellektuellen. Weiter...
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Der Sturz vom Pferd. Über "Akzelerationismus"
Hans-Joachim Lenger
Aus: Körperzustände - Politik der Affekte

In Geschwindigkeit und Beschleunigung will sich der Traum von Allmacht verwirklichen. Denn eine absolute, von allen Bedingungen befreite Geschwindigkeit käme einer Allgegenwart gleich, die einst als Attribut göttlicher Omnipotenz galt. Endliche, weil menschliche Wesen können von ihr nur wie von einer Versuchung überfallen werden, wie von einem Rausch, einer Affektion, die die Körper umso zwingender erfasst und unterwirft. Weiter... Anhören...


 

Globalisierung: Assoziation und Dissoziation
Samuel Sieber
Aus: Medien Macht. Sendung vom 13.6.2014

Wie ein Riss durchziehen die intermedialen Inszenierungen des Politischen die zuvor verfugten Felder souveräner, institutionalisierter Politiken. Ein weltumspannendes Netz intermedialer Chimären, das mannigfaltigen kommunikativen Verbindungen statt gibt, durchschneidet und verschiebt die ihnen vorgängigen medial-politischen Dispositive. Weiter...
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Paul Virilio: Die Verwaltung der Angst

Marisa Calcagno
Aus: Ökonomien der Angst. Sendung vom 9.5.2014


Paul Virilio

„Angst ist heute zu einer Umgebung, einem Milieu, einer Welt geworden. Sie beschäftigt und besorgt uns. Früher war die Angst ein Phänomen, das an lokalisierte Ereignisse gebunden war, identifizierbar und zeitlich begrenzt: Kriege, Hungersnöte, Epidemien... Heute ist es die begrenzte, saturierte, geschrumpfte Welt selbst, die uns umklammert und in eine Art Klaustrophobie ‚hineinstresst'..." Weiter...
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"Shock and awe"
Chup Friemert
Aus: Ökonomien der Angst. Sendung vom 9.5.2014

Shock and awe“ ist ein neuerer Begriff aus dem Amerikanischen. Wie soll man ihn übersetzen? Substantivisch müsste man wohl von „Angst und Schrecken“ sprechen. Verbal wäre „schockieren und einschüchtern“ angemessen. In der Befehlsform könnte es vielleicht heißen:„erschrick und bewundere!“. Denn tatsächlich heißt „to awe“ auch: Ehrfurcht einflößen. Das Wort gemahnt an eine göttliche Gewalt. Weiter...Anhören...



Animalischer Lärm
Hans-Joachim Lenger
Aus: Noise - Aufruhr des Lärms. Sendung vom 11.4.2014
des Lärms. Sendung

Immer schon bestand die Macht in einem auch akustischen Problem; in ihr trägt sich ein Streit aus, der um den Ton, den Klang und das Geräusch oder den Lärm geführt wird. Weiter...Anhören...


 


Skinny Puppy

Skinny Puppy. Der Klang des Krieges
Benjamin Sprick
Aus: Noise - Aufruhr des Lärms. Sendung vom 11.4.2014

Ein leichtes Schmunzeln lässt sich wohl kaum vermeiden. Wie gemeldet wird, hat die kanadische Industrial-Band Skinny Puppy dem amerikanischen Pentagon 666 000 Dollar an Tantiemen in Rechnung gestellt. Die Musiker hatten erfahren, dass muslimische Häftlinge im Gefangenlager Guantanamo Bay mit ihrer Musik gefoltert worden sein sollen. Weiter...Anhören...


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